Die Kreishandwerkerschaft setzt nicht nur auf Tradition – sondern auch auf Innovation. Im Rahmen des Projekts „Inno-Handwerk“, das durch die WIR!-Initiative gefördert wird, besuchte Kultusminister Clemens am 4. August 2025 die Offene Werk-statt in Riesa. Ziel des Projekts ist es, junge Menschen für handwerkliche Berufe zu be-geistern und neue, zeitgemäße Wege in der Berufsorientierung zu gehen.

Neue Wege in der Berufsorientierung

Die Offene Werkstatt dient als Modellort für kreative Bildungsformate, die praxisnah gestaltet sind und Jugendlichen die Möglichkeit geben, handwerkliche Tätigkeiten haut-nah zu erleben. Hier entstehen Lernorte, die nicht nur Neugier wecken, sondern auch konkrete Zukunftsperspektiven eröffnen. Die entwickelten Formate sollen perspektivisch auch auf andere Regionen übertragbar sein – ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Der Besuch des Ministers begann mit einer Begrüßung durch Kreishandwerksmeister Peter Liebe und Jens-Torsten Jacob. Projektleiterin Sybille Müller und Werkstattleiterin Cornelia Hartzsch präsentierten die verschiedenen Werkstattbereiche und Formate. In einer anschließenden Gesprächsrunde mit einigen Handwerksmeistern wurden zentrale Aspekte der Nachwuchsförderung diskutiert. Minister Clemens zeigte sich beeindruckt: „Tradition trifft Moderne. Das Projekt ‚Inno-Handwerk‘ zeigt eindrucksvoll, wie Berufsorientierung im 21. Jahrhundert aussehen kann: praxisnah, kreativ und mit einem klaren Fokus auf die Interessen junger Menschen. In der Offenen Werkstatt Riesa erleben Jugendliche das Handwerk hautnah. Sie arbeiten selbst mit und entdecken ihre Talente. So entstehen Lernorte, an denen aus Neugier konkrete Zukunftsperspektiven werden.“ Auch Peter Liebe unterstrich die Bedeutung des Besuchs: „Der Besuch von Kultusminister Conrad Clemens ist ein wichtiges Signal für das Handwerk in der Region. Es zeigt, dass unsere innovativen Ansätze zur Nachwuchsförderung auf Landesebene wahrgenommen werden.“

Zwischen Reformdruck und Zukunftsvision

Die Berufsausbildung im Landkreis Meißen steht unter Druck. Fast fünf Jahre nach der umfassenden Neuordnung des Berufsschulnetzes im Freistaat Sachsen zeigen sich die Auswirkungen der Reform deutlich: Ausbildungsberufe sind aus der Region verschwunden, Berufsschulstandorte wurden verlagert und die Wege für Auszubildende sind oft lang geworden. Gerade deshalb will die Kreishandwerkerschaft mit dem innovativen Projekt „Inno-Handwerk“ ein starkes Zeichen für die Zukunft setzten und zeigen, wie moderne Berufsorientierung aussehen kann.

Berufsschulreform – ein harter Einschnitt für die Region

Als die Pläne zur Neuordnung des Berufsschulnetzes 2020 bekannt wurden, war der Aufschrei im Landkreis Meißen groß. Beson-ders der Verlust der Dachdecker-Ausbildung sorgte für Unmut. Die Kreishandwerker-schaft Meißen kämpfte damals vergeblich um einen Kompromiss, der die Region weniger hart getroffen hätte. Heute, Jahre später, ist die Bilanz ernüchternd.

„Wir haben jetzt nur noch drei Handwerks-berufe hier“, erklärt Jens-Torsten Jacob, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Region Meißen. „Die Elektriker in Riesa, außerdem das KFZ-Handwerk und die Friseure in Meißen.“ Dachdecker werden inzwischen in Löbau ausgebildet, die Bäcker sind nach Dresden gegangen. Besonders schmerzlich war für die Stahlstadt Riesa der Verlust der Metallbauer-Ausbildung.

Auch die Erste Beigeordnete des Landkreises, Janet Steinbach-Putz, erinnert sich an die schwierige Zeit: „Wir haben lange gemeinsam gekämpft. Auch der Kreis stand hinter den Bemühungen. Wir wären willens gewesen, noch einmal ordentlich zu investieren.“ Doch die Entscheidungen wurden auf Landesebene getroffen – und blieben bestehen.

Lange Wege sind die neue Realität für Azubis

Die Folgen der Reform sind bis heute spür-bar. Für Betriebe wie den von René Heinitz, Dachdeckermeister aus Lommatzsch, sind die langen Wege zur Berufsschule ein echtes Problem. „Die erste Frage der Eltern, wenn wir uns bei den Ausbildungsbörsen vorstellen, ist nicht: ‚Was verdient mein Kind bei Ihnen?‘, sondern: ‚Wo ist die Berufsschule?‘“, berichtet Heinitz. Die Entfernung nach Löbau schreckt viele ab – nicht nur wegen der Fahrtzeit, sondern auch wegen der schwierigen Unterbringung.

„Es gibt mehr Lehrlinge als Internatsplätze“, erklärt Heinitz. „Die Auszubildenden haben also nicht einmal ein günstiges Zimmer sicher.“ Zwar soll in Löbau ein neues Wohnheim entstehen, wie Kultusminister Conrad Clemens bestätigte, doch bis dahin bleibt die Lage angespannt.

Jens-Torsten Jacob warnt: „Wenn zu wenig ausgebildet wird, hat das weitergehende Folgen, die sich noch in Jahren zeigen wer-den. Irgendwann fehlt uns dann auch der Nachwuchs bei den Meistern – und über kurz oder lang in der Unternehmensnach-folge. Dann haben wir nicht nur Fachkräfte-, sondern auch Führungskräftemangel!“

Zwischen Strukturwandel und Aufbruchsstimmung

Der Besuch des Kultusministers in Riesa verdeutlicht die Spannungsfelder, in denen sich die berufliche Bildung derzeit bewegt: Einerseits die strukturellen Herausforderungen durch die Reform, andererseits die kreativen Ansätze, mit denen die Region versucht, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Mit dem Projekt „Offene Werkstatt“ wollen wir nicht nur junge Menschen für das Hand-werk begeistern, sondern auch zukunftsfä-hige Bildungsformate entwickeln, die auch in anderen Regionen angewandt werden können.“

Er verdeutlicht außerdem die Relevanz und das Potenzial des Projekts „Inno-Handwerk“ für die berufliche Bildung und die Nachwuchsförderung im Handwerk. Mit kreativen, praxisnahen und übertragbaren Bildungsformaten setzt das Projekt neue Maßstäbe und liefert wertvolle Impulse für die Gestaltung der Berufsorientierung von morgen.

(KHS)