Junge Hände für das historische Erbe: Die Mobile Einsatzstelle der Jugendbauhütte Sachsen im Rittergut Riesa

Einen Stuhl restaurieren, auf dem einst Goethe saß, mit eigener Hand ein Fachwerkhaus errichten oder eine vergessene Parkanlage wieder zum Blühen bringen – was nach einer Reise in die Vergangenheit klingt, ist der Alltag bei den Jugendbauhütten.

Ein ganzes Jahr lang haben Jugendliche im Alter von 16 bis 26 Jahren im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) in der Denkmalpflege die Gelegenheit, traditionelle Handwerkstechniken zu erlernen. Sie wenden diese direkt am Original an und spüren das Besondere des Echten und Authentischen mit eigenen Händen. Das Vorbild dieser Initiative bilden die historischen, mittelalterlichen Bauhütten, in denen gemeinsames Leben und Arbeiten im Mittelpunkt stand. Hier lernte der Lehrling direkt vom Meister, während oft bleibende, großartiger Werte entstanden. Ergänzt wird diese praktische Arbeit am Denkmal durch vielseitige Seminare zu Stil- und Materialkunde, Forschungs- und Arbeitsmethoden, den Grundlagen der Denkmalpflege sowie der tiefen Bedeutung unseres europäischen Kulturerbes.

Rund 6.000 Jugendliche haben ein solches Freiwilliges Soziales Jahr deutschlandweit in der Denkmalpflege bisher absolviert und dabei ihre persönliche Begeisterung für das kulturelle Erbe entdeckt. Viele finden hier nicht nur eine tiefe Leidenschaft, sondern gleich eine ganze Berufung: Nicht selten entscheiden sich die Teilnehmenden im Anschluss für einen Beruf in der Denkmalpflege oder in einem der traditionellen Handwerksberufe.

Die Jugendbauhütte Riesa: Ein starker Jahrgang im Aufbruch

Bereits im siebenten Jahr leisten engagierte junge Menschen in Riesa ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege ab. Seit dem 1. September 2026 hat sich der Kreis der Beteiligten jedoch spürbar vergrößert: Erstmals sind gleich sieben Jugendliche in der Mobilen Einsatzstelle der Jugendbauhütte Sachsen im Rittergut aktiv. Bislang bestand das Team in Riesa traditionell aus fünf Personen, durch zwei zusätzliche Stellen konnte die Kapazität nun erweitert werden. Diese Neuerung ist vor allem auf die Unterstützung der neu geschaffenen Aufgabenbereiche, insbesondere der historischen Beschlägesammlung, ausgerichtet.

Angelegt ist das Programm auf eine professionelle und praxisnahe Anleitung. Während Heiko Bieber als Hauptanleiter für die vielfältigen Teilprojekte in Riesa fungiert, widmet sich Thomas Margenberg als spezialisierter Anleiter der fachgerechten Instandsetzung und Pflege der Metallbeschläge.

Vielschichtige Projektplanung für das Jahr 2026/2027

Der Projektplan für den aktuellen FSJ-Jahrgang 2026/2027 ist gefüllt mit spannenden und anspruchsvollen Aufgaben, die sich über mehrere historische Standorte erstrecken und sowohl handwerkliches Geschick als auch Teamgeist erfordern:

1. Arbeiten direkt im Rittergut Riesa:
Ein zentrales Ziel bis zum Jahresende ist die termingerechte Fertigstellung des neuen Büros sowie der Werkstatt der Jugendbauhütte bis zum 31. Dezember 2026. Hinzu kommen die Sanierung des Treppenaufgangs zur Jugendbauhütten-Wohnung, die gestalterische Entwicklung des Außenbereichs, inklusive umfassender Pflasterarbeiten, und der Wegebau zum Eingang sowie die Errichtung einer überdachten Sitzgruppe als Treffpunkt im Freien.

2. Arbeiten am Bahnhof Jacobstal:
Hier widmen sich die Jugendlichen einer echten Herkulesaufgabe: Der denkmalgerechten Aufarbeitung und Restaurierung von insgesamt rund fünfzig historischen Fenstern.

3. Arbeiten am Schloss Hirschstein:
Im Schloss Hirschstein stehen gleich zwei große Maßnahmen auf dem Plan – die behutsame Flursanierung im rechten Seitenflügel sowie die liebevolle Aufarbeitung von fünf historischen Türen direkt im Schloss­innenhof.

4. Seminare vor Ort:
Das praxisnahe Lernen wird durch gezielte Seminare vertieft. So findet unter anderem direkt im Rittergut ein Ausbildungsabschnitt zum fachgerechten Einglasen von Fenstern statt.

5. Exkursion zur Klosterkirche in Mühlberg:
Ein besonderes Highlight ist das gemeinsame Teilprojekt mit der Jugendbauhütte Brandenburg, bei dem die Jugendlichen zusammenarbeiten und sich beim Ausfugen von historischen Klinkerwänden an der Klosterkirche in Mühlberg erproben.

Das Beschlägelager im Rittergut Riesa: Historisches Handwerk bewahren

Besonderes Augenmerk verdient in diesem Jahr die Ausweitung der Arbeit auf das Beschlägelager im Rittergut Riesa, welches sich rasant entwickelt. Die Erfassung, wissenschaftliche Bestimmung und Sortierung der enorm umfangreichen Sammlung historischer Baubeschläge ist bereits weit fortgeschritten. Mittlerweile sind rund 700 dieser handwerklichen Produkte im zugehörigen Internetshop unter www.historischebeschlaege.de digital erfasst und für Interessierte bundesweit auffindbar.

Zwei der insgesamt sieben Freiwilligen sind für diese Beschlägesammlung abgestellt. Sie unterstützen das Projekt kontinuierlich beim Sortieren, Katalogisieren und Reinigen der oft jahrhundertealten Bauteile. Ohne diese engagierte und tatkräftige Hilfe wäre der zügige Aufbau sowie die stetige Erweiterung dieser einzigartigen Onlineplattform kaum denkbar. Dabei geht es den Verantwortlichen weit über die rein physische Arbeit hinaus: Die Jugendlichen erhalten die einmalige Chance, historische Bauteile und alte Handwerkskunst unmittelbar kennenzulernen und zu verstehen. Sie erfahren hautnah, welchen unschätzbaren Wert traditionelle Handwerksarbeit und historische Materialien für unsere moderne Bau- und Handwerkskultur besitzen.

Organisiert ist diese Mitarbeit im Rotationsprinzip: Die Jugendlichen verbringen jeweils etwa zwei Monate in diesem speziellen Arbeitsbereich. Danach findet ein interner Wechsel statt, sodass auch die übrigen FSJler des Ritterguts die Möglichkeit erhalten, wertvolle Erfahrungen im Umgang mit der Sammlung zu sammeln. Auf diese Weise verknüpft das Beschlägelager im Rittergut Riesa die professionelle Bewahrung historischer Kulturgüter mit moderner praktischer Jugendbildung – und trägt maßgeblich dazu bei, altes Handwerk für kommende Generationen sichtbar, begreifbar und erlebbar zu machen.

(KHS)